Freitag, 14. Juni 2013

Die Mauer

Das Monument unserer Kindheit. Die Mauer.
Ein skuriles Bauwerk. Einzigartig.
Die Mauer, die klar trennen sollte,  blieb durchlässig. Das alltägliche,  plebejische, "bürgerliche" Leben der Familie, zu trennen von der "Großen Kunst" und dem Geiste, war geplant, und durch den Bau der Mauer vollzogen, aber nicht vollendet.
Im Haus viel die Mauer uns nicht weiter auf. Die trennenden Wände  waren vorhanden, und die wenigen Durchlässe wurden geschlossen.
Im Garten dagegen entstand ein Monument. Zwei Meter hoch aus Stein gemauert, weiß gekalkt. Als Durchlaß eine Tür, aus Dielen genagelt, eingehängt in schwere Angeln, blau gestrichen.
Aus den Ferien heimgekehrt, durch diese Mauer auf "unsere Seite" verbannt, war nunmehr nur mit Erlaubnis  das Betreten der "Herrschaftlichen Seite" erlaubt.
Der Gartentisch unter den drei Birken befand sich dort, eine quadratische Betonplatte, in der Mitte durchbohrt und mittels einer Schraube auf einem Baumstumpf  befestigt. Viel Geredet wurde an diesem Tisch, debattiert, getrunken und gelacht.
Uns Kindern war das Hinzugesellen nur selten gestattet, nicht wegen der Mauer, diese hielt, wie gesagt, nicht, was sie versprach. Die Tür stand bald  meist offen und ein freies Bewegen rund ums Haus war wieder möglich. 
Aber die Mauer war da, und die Tür konnte jederzeit geschlossen werden, für Stunden, für Tage, selten für Wochen. Sie erfüllte uns mit Respekt und wurde als Symbol der Trennung anerkannt. Wir waren von etwas ausgeschlossen. Und dieses Ausgeschlossensein machte dieses "Andere" zu dem Besonderen.
Wir sehnten uns dorthin, dort teilnehmen zu dürfen, gleichwertig zu sein.
Selten gelang uns dieser Sprung, aber wenn, dann waren wir glücklich.

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